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So so, du willst also Informatik studieren

1. Einführung

Als frisch gebackener Abiturient stellt man sich oft (meistens viel zu spät) die Frage, was man einmal studieren und mit seinem Leben anstellen möchte. Gerade in der heutigen Zeit, in der uns technische Geräte, Videospiele, Social-Media-Plattformen etc. umgeben und ständig die Rede von "Digitalisierung" ist, kommen viele auf die Idee, dass das Informatikstudium eine gute Wahl für die eigene berufliche Zukunft ist.

Für mich persönlich war es auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Allerdings muss man direkt dämpfend erwähnen, dass das Informatikstudium, auch wenn es sehr abwechslungsreich und spannend ist, nicht für jeden etwas ist. Das liegt nicht daran, dass man ein Genie oder so sein muss, um Informatik studieren zu können, sondern an einer Mischung aus verschiedensten Faktoren, die ich in diesem Artikel gerne näher beleuchten möchte. Mein Ziel ist es, dass du der Frage, ob das Informatikstudium etwas für dich ist, am Ende dieses Artikel ein Stückchen näher bist. Dabei nehme ich kein Blatt vor den Mund und spreche auch die Themen an, die bei vielen Studierenden für schlaflose Nächte im ersten Semester sorgen.


2. Ist Studieren allgemein etwas für dich?

Fangen wir aber mal ganz am Anfang an, nämlich der Frage, ob Studieren an sich überhaupt etwas für dich ist. Nicht jeder Schüler, der sein Abitur abgeschlossen hat, ist automatisch "studierfähig". Man bekommt in der Schule nämlich Vieles vorgekaut und in kleine "lernbare" Häppchen zerlegt. Das ist im Studium nicht mehr so. Du musst ggf. viel Fachliteratur lesen und dir das ein oder andere Fachwissen selbstständig aneignen. Die Professoren sind nicht vergleichbar mit den Lehrern aus deiner Schule und die Vorlesung keine einfache Schulunterrichtsstunde. Im Studium arbeitest du für gewöhnlich (wie ein Selbstständiger) selbst und ständig daran, dein Wissen weiter auszubauen. Dafür bedarf es also keiner dedizierten Lehrkraft.

Es gibt (in den meisten Bundesländern) weder eine Anwesenheitspflicht, noch "Hausaufgaben". Im Informatikstudium ist das so pauschal aber nicht ganz richtig. Dazu jedoch später mehr. Grundsätzlich bist du aber für dich selbst verantwortlich. Niemand zwingt dich, die Vorlesung zu besuchen oder an einer Prüfung teilzunehmen. Es liegt an dir, ob du dein Studium in der Regelstudienzeit schaffst oder dir ein paar Semester länger Zeit nimmst.

Für viele ist diese Art zu arbeiten und zu lernen einfach nichts. Für Personen, die für ihr Fach nicht intrinsisch motiviert sind, ist das Studium (und das Informatikstudium im Speziellen) vermutlich keine gute Wahl. Nur der hohen Gehälter wegen sollte man kein Studium beginnen. Derart extrinsisch motivierte Studierende sind nach den ersten beiden Semestern meistens wieder weg.


3. Studium oder doch eine Ausbildung?

Du solltest dir außerdem die Frage stellen, weshalb du Informatik studieren willst. Also was ist dein konkreter Berufswunsch? Wenn du "nur" programmieren möchtest, dann reicht auch eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung. Wenn du hingegen "nur" mit Hardware herumspielen und IT-Geräte administrieren möchtest, wäre die Ausbildung zum Fachinformatiker mit der Fachrichtung Systemintegration sinnvoll. Wenn du aus beiden Welten viel Wissen mitnehmen, jedoch eher einen abstrakten Allgemeinüberblick mit ggf. wenig Programmierung im späteren Berufsleben haben möchtest, dann ist Informatik etwas für dich. Verstehe mich nicht falsch: Du kannst als studierter Informatiker in allen Bereichen arbeiten, in denen auch die ausgebildeten Fachinformatiker arbeiten können. Allerdings bieten sich dir dadurch weitere Beschäftigungsfelder in Führungspositionen oder der Forschung und Lehre.


4. Informatik, Wirtschaftsinformatik oder Medieninformatik?

Wenn man in der Spieleindustrie Fuß fassen möchte, braucht man kein reines Informatikstudium. Dafür reicht eigentlich schon eine Ausbildung. Wenn du dennoch einen akademischen Abschluss erwerben (und dadurch im Durchschnitt ein höheres Gehalt bekommen) willst, dann könnte Medieninformatik interessant für dich sein. Allerdings hast du im Grundstudium für gewöhnlich dieselben Veranstaltungen wie die reinen Informatiker und spezialisiert dich erst im späteren Verlauf deines Studiums. Deshalb kann es durchaus sinnvoll sein, erst als "normaler" Informatiker zu starten und sich danach zu spezialisieren. Gleiches gilt auch für die Wirtschaftsinformatiker, die sowohl die IT- als auch die Business-Welt verstehen müssen, da sie die Brücke zwischen diesen beiden Welten bilden.

Meiner Ansicht nach ist es im IT-Umfeld eher sinnvoll, einen allgemeinen Informatikabschluss in der Tasche zu haben, da in fast allen Stellenausschreibungen, in denen Medien- und/oder Wirtschaftsinformatiker gesucht werden, auch Informatiker aufgeführt sind. Ein Medieninformatiker im IT-Sicherheitsumfeld ist bspw. seltener als ein Informatiker im Bereich Games Engineering.

Auf Wirtschafts- oder Medieninformatik auszuweichen, weil diese beiden Studiengänge vermeintlich leichter sind, ist nicht zu empfehlen. Jedes Informatikstudium muss einen theoretischen Anteil haben. Wer denkt, dass er in Medieninformatik um Mathe herumkommt, der irrt sich gewaltig! Besonders dort sind tiefgreifende Mathe-Kenntnisse nötig, um Modellierungen im 3-dimensionalen Raum zu erstellen oder Filter für die Bildverarbeitung zu entwickeln. Hierbei ist vor allem die lineare Algebra eine wichtige Grundlage.


5. Mathe

Und damit wären wir schon bei dem Thema, das dich wahrscheinlich am meisten interessiert: wie hoch ist der Matheanteil im Informatikstudium? Auch wenn sich durch meine Antwort vermutlich Ernüchterung einstellt, muss ich sagen, dass der Matheanteil sehr hoch bzw. nicht zu unterschätzen ist. Aber keine Sorge! Auf meinem YouTube-Kanal veröffentliche ich regelmäßig Videos zur Mathematik für Informatiker (und das schließt auch Wirtschafts- und Medieninformatiker) ein.

Zur mathematischen Grundausbildung eines Informatikers gehören Analysis (ein- und mehrdimensional), lineare Algebra, Logik und diskrete Mathematik. Auch Kryptologie, theoretische Informatik, sowie Algorithmen und Datenstrukturen kann man durchaus zu den Mathematikfächern zählen, da sie teilweise sehr abstrakt sind. Kryptologie ist mehr oder weniger Zahlentheorie, theoretische Informatik ist die formale Beschreibung der Informatik, wofür die Mathematik als Sprache verwendet wird und Algorithmen und Datenstrukturen beschäftigt sich mit Algorithmen, Beweisen der Funktionsweise von Algorithmen und der Komplexitätstheorie. Du solltest mit Mathe also nicht auf dem Kriegsfuß stehen. Beachte dabei, dass ich hier von Mathe und nicht von Schulmathe rede. Das, was du in der Schule über die Mathematik lernst, hat genauso viel mit "richtiger Mathematik" zu tun, wie ein Biologiestudium mit Schreinerei. Nur, weil du in der Schule nicht gut in Mathe warst, heißt das nicht, dass das Informatikstudium nichts für dich ist. Diese Art der Mathematik kann sehr viel Spaß machen, ist aber elementarer Bestandteil der Arbeitsweise eines Informatikers. Wenn du damit nicht klarkommst (und das merkst du innerhalb der ersten beiden Semester), dann solltest du vielleicht wirklich über eine Studienalternative nachdenken. Wenn du dich aber dahinterklemmst, wirst du es mit Sicherheit schaffen. Es haben schließlich auch tausende andere Studierende vor dir geschafft. # Wenn du magst, kann ich gerne mal eine typische Erstsemesterklausur in linearer Algebra oder Analysis hier auf dem Kanal besprechen - schreibe mir gerne in den Kommentaren, ob du daran Interesse hast #


6. Uni oder Fachhochschule?

Zudem solltest du dir überlegen, ob du Informatik an einer Uni oder einer Fachhochschule studieren willst. Diese beiden Hochschulformen unterscheiden sich nämlich im Aufbau und der Organisation des Studiums. Während man an einer Uni primär die theoretischen Grundlagen vermittelt bekommt und diese dann anhand einiger Praxisbeispiele einübt, steht die Praxis bei den Fachhochschulen im Vordergrund. Schaue dir dazu gerne auch mein Video zu den Unterschieden zwischen Unis und Fachhochschulen bezogen auf das Informatikstudium an.

Letztendlich kommt es auf deine Präferenzen an. Ich persönlich bin sehr gut damit gefahren, an einer Fachhochschule meinen Bachelor und an einer Uni meinen Master zu machen, weil man dadurch beide Welten mal gesehen hat und der Master-Abschluss an einer Uni einem noch weitere Tore öffnet. 


7. Persönliche Voraussetzungen

Du musst übrigens nicht schon vor deinem Studium programmieren können. Im Gegenteil: Ich bin sogar der Auffassung, dass das gerade am Anfang etwas hinderlich sein kann. Die Professoren wollen nämlich, dass du die Aufgaben mit den Mitteln löst, die ihr bis dahin in der Vorlesung besprochen habt. Wenn ihr reguläre Ausdrücke noch nicht hattet, du sie aber schon kennst und nicht einsiehst, weshalb du sie an einer bestimmten Stelle jetzt auf einmal nicht verwenden sollst, obwohl man das normalerweise so macht, könnte das zum Problem werden. In der Informatik geht es um Algorithmen und nicht um vorgefertigte Bibliotheken, die man blind anwendet.

Vielmehr solltest du für das Informatikstudium eine hohe Frustrationstoleranz mitbringen. Nicht selten wirst du alleine oder in einer Gruppe stundenlang über ein bestimmtes Problem philosophieren, nur um es dann kurz vor der Abgabe fertigzustellen. Dieses Gefühl, wenn du es dann aber doch geschafft hast, ist unbeschreiblich schön und lässt dich mit Stolz auf die getane Arbeit zurückblicken. Wenn ich an meine Studienzeit zurückdenke, sind mir vor allem die Fächer in Erinnerung geblieben, die ein besonders anspruchsvolles Praktikum hatten, da man hierbei fachlich und auch persönlich sehr viel gelernt hat.

Zudem solltest du - doch das gilt für jedes Studium und ist nicht spezifisch für das Informatikstudium - ein hohes Maß an Selbstorganisation besitzen. Du musst deine Tasks priorisieren und innerhalb festgelegter (teils sehr straffer) Fristen, erledigen können. 

Außerdem ist es in kaum einem anderen Studienfach so wichtig, dass du teamfähig bist. Sich mit anderen auszutauschen, Aufgaben gerecht aufzuteilen und sich gegenseitig schwierige Sachverhalte zu erklären, ist meiner Ansicht nach essentiell für den Erfolg im Informatikstudium. Die vor einem liegenden Aufgaben schweißen dich und dein Team zusammen. So erwirbst du auch gleichzeitig die Soft-Skills, die dir im späteren Berufsleben abverlangt werden.


8. Fazit

Informatik nur aus der Motivation heraus studieren zu wollen, später einmal viel Geld zu verdienen, ist nicht sinnvoll. Auch die naive Vorstellung, dass dich Computer schon immer interessiert haben und Informatik deshalb das Richtige für dich ist, solltest du vergessen. Informatik kannst du theoretisch auch ohne Computer betreiben. Viele Wissenschaftler haben das nämlich auch eine sehr lange Zeit so gehandhabt. Für die praktische Anwendung ist eine konkrete Rechenmaschine aber nötig. Der Duden definiert die Informatik als Wissenschaft nämlich wie folgt:

"[Informatik ist die] Wissenschaft von der systematischen Darstellung, Speicherung, Verarbeitung und Übertragung von Informationen, besonders der automatischen Verarbeitung mit Digitalrechnern"

Sie ist eine Mischung aus der Mathematik als Strukturwissenschaft und den Ingenieurswissenschaften. Du solltest unbedingt für dein Fach brennen und stets im Hinterkopf behalten, dass es auch ein Leben nach dem Studium gibt. Du lernst sehr viele spannende Bereiche kennen und bist an vielen Unis bzw. Hochschulen sehr frei in der Wahl deiner Schwerpunkte.

Für mich persönlich war es die absolut richtige Entscheidung und ich hoffe sehr, dass ich dir auf diesem Wege ein bisschen bei deiner Studienwahl weiterhelfen konnte.